Poetisches Programm

Feder-Theorie

Liebe Freunde meiner Homepage! Endlich soll meiner poetischen Website auch ein poetisches Programm dauerhaft eingefügt werden. Inzwischen bin ich mir sicher, dass es sich genau so verhält, wie unten steht - ich habe die Lyrikszene dafür lange genug beobachtet. Als diese Homepage entstand, sah ich die Dinge noch nicht in dieser Klarheit. Dennoch kann es keine "einlinige", sondern nur eine "vielsträhnige" Begründung in einem so komplexen Feld geben. Ich habe meine Sicht der Dinge so einfach wie möglich und in schlichten Worten quasi als konkrete Handlungsanweisung und ohne schmückendes Beiwerk in drei Punkten darzustellen versucht.

Drei-Punkte-Programm für die Lyrik

 

Das Notieren der unten stehenden drei Thesen wurde durch eine interne Ausschreibung zum 20-jährigen Bestehen der Zeitschrift DAS GEDICHT angeregt, die da lautete (siehe auch "Veröffentlichungen"):

 

Weil uns gerade die Meinung der Autoren zum „Gestern, Heute und Morgen“ der Lyrik interessiert, möchten wir Sie zusätzlich um ein kurzes Statement zu Fragen wie diesen bitten: Wie bewerten Sie persönlich die Entwicklung der deutschsprachigen Lyrik in den vergangenen 20 Jahren? Gibt es Ihrer Meinung nach allgemeine Tendenzen in Inhalt und Form? Was erwarten Sie sich von der Lyrik jetzt und in der Zukunft? Dies kann von persönlichen Schreibhoffnungen bis zu kritischen Anregungen an die Gattung als Ganzes reichen. Kann es Ihrer Meinung nach je ein großes Publikum für die Lyrik geben? Ist der Abschied vom Elfenbeinturm eine greifbare Option oder müssen sich die meisten Dichter auch weiterhin mit einem Insider-Leben unter ihresgleichen, fraktioniert in kleine und allerkleinste Gruppierungen begnügen? Sie sehen, der Bogen ist weit gespannt. Es wäre wunderbar, wenn Sie für uns ein Statement mit maximal 800 Zeichen schreiben könnten.

 

Die "Lage der Lyrik" ist hochgradig komplex und gesamtgesellschaftlich vernetzt. Dieses Programm soll nicht viel länger sein als das, was auf einen Bildschirm passt, zumal ich nicht weiß, ob ich ihnen (den Dingen) in einem längeren Text gerechter würde. Die Frage, in die für mich, wenn ich über die Lage der Lyrik nachdenke, alles mündet, ist: „Kann es je (wieder) ein großes Publikum für die Lyrik geben?“ Alle anderen Fragen sind lediglich dienstbare Geister dieser einen Frage. Ich habe dafür nun schon lange drei Punkte im Kopf, die jetzt auf dieser Homepage notiert sein sollen:

 

1.) Die Lyrik muss zu den großen Themen zurückkehren. („gestern“) Literatur, die vielfach die großen alten (Stichwort heute etwa: Tod) und fast zur Gänze die drängendsten und meistverdrängten (Stichwort heute besonders: Umwelt) Themen ihrer Zeit meidet und ausspart, wird dem Vergessen anheimfallen oder von vornherein als zu vergessen wahrgenommen. Die Banalität unserer Konsum- und Warenwelt noch zu steigern, kann nicht Aufgabe der Lyrik sein. Weniger Alltag, keine Angst vor politischen Fragen! Keine falsche Bescheidenheit, so sympathisch sie auf den ersten Blick auch sein mag!

 

2.) Die Lyrik muss „E“ und „U“ verbinden und ausgleichen. („heute“) Die Lyrik leidet wie ihre Schwesterkunst, die Musik, unter einem „tödlichen“ Schisma: Auf der einen Seite steht die Kritiker- und Philologenlyrik, die sich möglichst hermetisch gebärdet und vom Lesepublikum kaum beachtet wird, auf der anderen Seite zunehmend und erfrischenderweise die Lyrik der Internet- und Slamszene, die aber nur allzu oft bzw. fast immer in Buchform nicht bestehen kann. Dieser tiefe Graben muss überbrückt werden!

 

3.) Die Lyrik muss zur Synästhesie vordringen. („morgen“) Es gibt auch heute erfolgreiche Bereiche der Lyrik: Es sind die Lyrics der Musik- und die Slogans der Werbeszene. Will sich die „literarische Leselyrik“ nicht weiterhin von ihnen völlig das Wasser abgraben lassen, muss sie immer wieder akkustisch und optisch materialiert werden, auch wenn dieses Unterfangen erheblichen Mehraufwand bedeutet! „Lyrik heute wird gesehen und gehört. Gelesen wird sie nicht.“ (Stephan Porombka)

 

Ein schwieriges Programm, das, wie ich selbst verblüfft feststellte, Forderungen und Errungenschaften der Aufklärung (1), der Klassik (2) und der Romantik (3) aufgreift. Kleiner geht es nicht. Sollte aber dem lyrischen Wort im deutschen Sprachraum, was in all den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht gelang, wieder spürbar mehr Gewicht zuwachsen (wozu auch ein sich noch einmal wandelnder Zeitgeist beitragen könnte), so würde die kulturelle Bedeutung nicht überschätzt werden können. Ein verändertes (einprägsameres, subtileres etc. pp.) literarisches Sprechen zieht auch ein - dringend benötigtes - anderes Denken nach sich. Davon fest überzeugt ist:

 

Christian Engelken, Hannover, Anfang Februar 2012

 


 

 „Fachmännische Besprechung“ der Lyriksellerliste auf amazon.de (Dezember 2012) in 9 Absätzen

 

Die üblichen Verdächtigen (auch Klassiker genannt): Goethe geht immer, berechtigter Klassiker-Status, allerdings erst auf 33, der größte deutsche Lyriker, vielleicht der Welt, ich habe ihn immer auf dem Nachttisch liegen, Schiller geht nie (ist nicht unter den ersten 100), Hesse immer wieder. War der als Lyriker wirklich so gut? Roman-Bonus. Na ja, jetzt auch noch verstärkt durchs Hesse-Jahr. Bissel Heine, Rilke, Eichendorff, Storm - diese beiden mit besonderem Recht, freut mich.

 

Der „Hochkomiker“ Gernhardt bei aller Liebe etwas weit vorn mit etwas vielen Titeln, Komiker-Bonus eben, aber der hat es immerhin geschafft, bis jetzt jedenfalls, des Weiteren unbekannt-harmlos: Lorre. Gsella fehlt. Von den Älteren nur Ringelnatz inkl. Kästner. Ist der "Markt" gesättigt? Sind die schon in jedem Bücherschrank? Ich ordne auch Jandl im weiteren Sinne noch dieser Gruppe zu - steht aber erst auf 63, man muss die Sachen ja von ihm selbst hören...

 

Die unvermeidliche und momentan etwas sehr hoch eingestufte Kaléko mit Frauen- und Judenbonus, Szymborska mit Ersterem, Lasker-Schüler mit Beidem, mein Spezi Fried mit Letzterem, ferner Neruda, mindestens die drei Letzteren mit Liebesbonus, Liebe geht ja noch relativ gut (merken!), Sex sells, das gilt immer, in der Lyrik idealerweise bei jüdischen Frauen (merken!). Wie wird Mann das-? Allert-Wybranietz ist auch wieder da, das Irrlicht der 80er. Die Strittmatter(s) halten sich zäh.

 

Zeitgenossen „ohne Komik oder Liebe“: nur Grünbein auf 66 und der neue Grass - na ja, weils halt Grass ist (schnarch!). Roman-, Nobel- und Promibonus. Dank besonderer Idee ("Zeitungspoesie"): Herta Müller - na ja, und weil halt NOBEL.

 

Versprengte außerdem:

Lyrics: Sting, Rammstein, Wecker, Schubert (!)

Ein Slammer, der sich verirrt hat: Salmen (Prosa!)

Lokale / Mundart: Schwaben: "Erschde Hilfe auf Schwäbisch"), Bayern: "Weihnachten lieben und leben: Bayerische Weihnachtsgedichte und Weihnachtsgeschichten zum Schmunzeln, Lachen und Nachdenken" (Volksmusik ist im Süden besonders beliebt...)

Internationale / Übersetzung: Pound, Whitman, Dylan Thomas, Blake (auch keine Überraschung: Angloamericans only)

Irrläufer / Poetische Prosa + Szenen (hier auch von Unbekannt...): Kipphardt, Goldt, Gibran, Zachmann (=?), Reza (=?), Sonnenberg (=?), van May (=?)

Lyriktheorie: Aristoteles (Studenten-Quote?)

Weihnachten: Klepper (Christen-Quote, runder Geburts- und Todestag)

 

Andere Formen der Darbietung:

Anthologien: Weihnachten, Liebe..., Haikus......

Kalender: Zitate, sprich Aphoristik, auf 1 („Nr. 767 in Bücher“), Literatur allgemein auf 2, auch keine Lyrik, sodann fallen besonders ins Auge „Mit Goethe / Schiller durchs Jahr“ u. ä....

Hörbücher: natürlich Rilke, Harry Rowohlt (habe ich - ein zweiter Jandl in Vortrag + Auftritt)

 

Interessant wird’s erst am Ende: „Seelenunruhen“ - nicht einzuordnen, bitte, von wem ist das? (bestellen?) Und auf 99 der Perser Rumi („Nr. 82.047 in Bücher“): Vierzeiler (bestellen?) Von meinem Spezi Benn, leider, u. v. a. m. keine Spur... Celan, Bachmann u. v. v. a. m., Rühmkorf, Enzensberger u. v. v. v. a. m.: Fehlanzeige. Weiter wage ich mich kaum vor: Der letztjährige NOBELitierte Tranströmer weit abgeschlagen. Von den Zeitgenossen insgesamt nur die paar, die besonders eingängig, manchmal auch etwas light sind, was nicht dasselbe sein muss (siehe Heine), heute aber fast immer dasselbe zu sein scheint. Ist das vielleicht der Fehler---? (Gedanke dazu: Reimen gilt lt. Gernhardt heute sui generis als komisch - siehe auch das "Programm" oben, Pkt 1+2.)

 

Damit sind wir vollständig durch - ach ja, ach ja, interessant ist nur, wie uninteressant das eigentlich alles ist, so geht die Lyrikweihnacht 2012 wieder unbemerkt vorbei. Insgesamt ist der totale Stillstand zu erkennen, wo andernorts die Titel eher viel zu schnell wechseln. Wo bleiben die aktuellen Titel zu aktuellen Themen? Wo bleiben die aktuellen Titel zu zeitlosen Themen in größerer Zahl? Wo bleibt die Durchlässigkeit für Newcomer? Die wenigen unbekannteren Autoren sind fast sämtlich der Poetischen Prosa zuzuordnen. Der „Markt“ scheint wie mumifiziert zu sein. Ohne jede oder jede wirkliche Überraschung, die offenbar auch schon lange nicht mehr erwartet wird. Und das zu Weihnachten-! Das „Museum / Mausoleum der (nicht modernen) Poesie“ (nach Enzenberger).

 

Nachtrag: Habe nach entnommener Stilprobe von „Seelenunruhen“ im Netz (…) mal den Rumi (1207 - 1273) bestellt, das dürfte - von Aristoteles abgesehen - der Älteste aus der Liste sein, kenne bisher nur Kollegen Hafis. Erstaunlich, dass er nicht gleich auf 1 rutschte. Schon die Bestellung weniger Bücher nämlich scheint die Rangordnung der Liste fundamental zu verändern (wenn auch nicht ihre Zusammensetzung...) Bestellt als Reclam über Jonnys Buchkiste: 2,47 €. Danke, Amazon---!

 

13.12.12, Augenblick der Zeitnahme: 15:43 (oder kurz danach)

(verbessert und ergänzt am 14.12.12)

 

Erneute Stichprobe ein Jahr später: Im Großen und Ganzen dasselbe - ernüchternde - Bild. Bei der Lyrik bewegt sich - nichts. Die Landschaft erscheint winterlich, wie eingefroren... Auffällig: Musikbonus (Till Lindemann, Platz 1), Promi- und Lokalbonus (z. B. Manfred Rommel), Frauen- (Kaléko, Domin, Hahn u. a.) und Liebesbonus (Neruda, Fried).

 

19.12.13, Augenblick der Zeitnahme: 16:40

 

Link zur Lyriksellerliste auf Amazon

 
 
Gedanken nach dem "Internationalen Gipfeltreffen der Poesie" am 23.10.12 in München, daran anschließend auch auf Facebook
Mail an AGL vom 25.10.12.pdf
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