Gedankentagebuch

Spitze Feder

Nervöses Hemd

Voll Todesmut stehst du
Fast unverhemmt und kaum geklemmt
Vor fremdem Publikum und denkst: Na dann-!

Doch plötzlich winkt dir jemand zu…
Ach Gott! Das ist ja der Herr Wiedemann!
Da spürst du Schweiß im Hemd.

 

 

Zu einem Bändchen mit Gedichten
(nach Gottfried Benn)


Im täglichen Gedünn,
Dem Auf und Ab und Hin und Her und Hin,
Dem ganzen Wettkampf um dem Hauptgewinn
Und all den Reden ohne Sinn -
Bin ich da etwa „drin“-?

Drum freu‘ ich mich, dass ich in diesem Büchlein bin!

 

 

Mittagstafel mit Gästen

 

Man war sich einig: Der Salat sei "ein Gedicht".
Ich zuckte kurz zusammen - aber warum nicht?
Ich dachte: Besser, in der Tat,
Als ein Gedicht ist ein Salat!

 

 

Vom Nachtragen und vom Vergeben

 

1.) Vom Nachtragen

 

Wer den Leuten alles „nachträgt“,

der kann nie verschnaufen.

Er verbringt die Zeit damit,

den Leuten hinterher zu laufen.

 

 

2.) Vom Vergeben

 

Vergeben können ist ein Teil des Lebens.

Wer nicht vergeben kann, der lebt vergebens.

 

 

 Hase und Storch

 

Der Hase legt die Eier,

doch manche von den Eiern,

die nimmt der Storch mit auf sein Haus

und brütet sie dort oben aus.

 

Da werden dann die ganz,

ganz kleinen Kinder draus!

 

 

Gewisse Nachrichtensender, Stand 2014
(gewidmet n-tv und N24)

Eins von beidem kommt auf jeden Fall:
Wenn nicht Hitler, so das All.
So wird jeden Abend klar,
Dass der Hitler fast ein Himmler war!

 

 

Leberreime

Zähl bloß nicht jede Laus,
Die über deine Leber läuft!

Lass auch mal eine aus!

Der Weise pfeift
Auf diesen Wicht.

Wer seine Läuse häuft,
Fängt nur am Ende an und säuft -
Und das bekommt der Leber nicht...

 

 

Das Gewisse

am Zustand der Menschheit

 

Sag „positiv“ sag „negativ“ -

du kommst in tausend Streite.

Sag „Experiment“ und du bist

auf der sicheren Seite!

 

 

 Nach Pascal

 

Was tut der Mensch sich
nicht alles an,
weil er sich selbst nicht
aushalten kann!

 

Anmerkung: "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." (Blaise Pascal)

 

 

Meine Sorgen

 

Um morgen
muss ich mich meistens wenig sorgen.

Um übermorgen schon!

Für überübermorgen brauch` ich Religion...

 

 

Gewissheit

 

Ein reiner Engel ist der Beste nicht.
Kein Schlechter ist ein reiner Bösewicht.

 

Bei keinem ist das ganze Licht.
Bei keinem ist nur Finsternis…

 

Es ist nicht viel gewiss.

 

 

Letzte Erkenntnis

Wir Menschen kommen aus dem Dunkel,
leben kurz im Licht
und gehen wieder in das Dunkel ein.

Doch ganz genau weiß man es nicht.
Es könnte auch
gerade anders herum sein!

 

 

Für ein Geburtstagskind

 

Wenn du dich nicht mehr freust,
älter zu werden,

 

sind Kindheit
und Jugend entfleucht.

 

Wenn die Briefe
dir wichtiger
als die Geschenke sind,

 

ist die Weisheit erreicht.

 

 

Kneipe

Was gibt es dort-?
Dort gibt es Rauch, der ätzt.
Dort gibt's Musik,
die man nicht schätzt.

Dort gibt es Volk,
das schwätzt.
Und eine Rechnung gibt's
zuletzt!

 

 

Epitaph auf eine Todesanzeige

"In stiller Trauer" schreiben sie.
"In lauter Trauer" heißt es nie.
Ob denn noch niemals wie
Ein armes, geschundenes Vieh
Ein Trauernder brüllte und schrie-?

 

 

Die wahren Klimasünder

(letzter Stand der Dinge)

 

„Die Spinner, die da ewig über diese

Klimakatastrophe schwadronieren,

sollten sich was schämen!

Ja, das sind die wahren Klimasünder!

 

Es ist nicht fein, die Leute

zu behelligen mit Katastrophen,

die sie selbst nicht mehr betreffen werden

sondern ihre Kinder (oder Kindeskinder)!“

 

 

Zeitungsmeldung

Professor Staub und Doktor Trocken
Verliehen einen hohen Preis
An den Poeten Unerschrocken.

(Der Dichter, wie die Buchwelt weiß,
ist einst ihr Assistent gewesen.)

Er habe Unverständliches erdacht,
OBWOHL die Menschen es nicht lesen!

"Die Jury hat es sich nicht leicht gemacht."

 

 

Für den Klingelbeutel

nach der Dichterlesung

(biblisch)

 

Applaus - behaupten viele -

sei das Brot des Künstlers.

O wie wahr!

 

Applaus ist wunderbar!

 

Applaus muss sein!

 

(Doch sei hinzugefügt:

Der Mensch lebt nicht

vom Brot allein...)

 

Anmerkung: „Quatsch“ sagte übrigens der Schriftsteller Max Goldt zu der Behauptung, dass der Applaus das Brot des Künstlers sei. „Das Brot ist ja auch nicht der Applaus des Bäckers.“ Darauf wäre ich nicht gekommen!

 

 

Pegasos, das Flügelross

Gemächlich schreitet er in Jamben hin.
Auch Trochäus bringt ihn kaum in Trab.

Zum Galopp treibt ihn erst Anapäst,
Und auch im Daktylus fliegt er vorbei…

Entschweben kann er jederzeit -
Sind die Verse nur gescheit!

 

 

 Ein Unterschied

 

Der Computer ist Segen und Fluch.

Segen ist das Buch.

 

 

Kumulationseffekt

 

Wer hat, dem wird noch nachgeschmissen.
Dier Rest bleibt in den Staub geschissen.

 

 

Hautatmung

Was nützen mir Augen und Ohren -
SIE hat die feineren Poren.
Eh ich es gehört habe oder geschaut,
Atmete SIE es schon längst durch die Haut!

 

 

1.) Das Glück

 

Gehen musst du,

kommen auch,

dann stellt sichs ein -

 

in dich gehen,

zu dir kommen,

bei dir sein!

 

 

2.) Das Unglück

 

Ein Unglück kommt selten allein.

 

Das hat das Unglück

mit den Hyänen gemein!

 

 

Nachbars Hund

 

„Ist ja gut, Hund, bell nicht ohne Grund!

Kennst mich doch!“ „Ja, eben...“ knurrt der Hund.

 

 

Epitaph für den Theologen Th. M.

 

Du wusstest um den Tod.

Jetzt nahm er dich aus deiner Not.

 

Magst du da drüben schauen

Den ewigen Beginn,

Auf den du hier mit festem Sinn

Versuchtest zu vertrauen!

 

 

 Als er den Computer

wieder abschafft

Er hat die Faxen dicke
Und kehrt zum Fax zurücke!



 

Alters-Weisheit

 

Das Alter ist

von allerlei Beschwerden voll.

Doch weiß man nicht,

bei wem man sich beschweren soll!



 

Vom Treffen

 

Nur wenn du treffend schreibst,

wirst du betroffen machen

 

mit deinen Sachen.

 

Doch triff die Leute,

wie man Freunde trifft,

nicht wie ein Pfeil -

 

Und lass sie heil!



 

Epitaph des Hundebesitzers

 

Im Alter kam ich auf den Hund -

Aus gutem Grund:

So ging ich nicht ganz einsam vor die Hunde

In meiner letzten Stunde!



 

Erkenntnis eines Verlegers
(nach Roberto Juarroz)

Ein Gedicht
rettet einen Tag.
Ein Krimi
rettet den Verlag.

Anmerkung: Vor allem ein Lokalkrimi natürlich, vielleicht mit

der Nr. 357.934.

 



Für alle Gnus, die auch

die Herde gern verlassen

 

Verlassen wir den Schutz der Herden,

Erwischt das Krokodil uns leicht am Fuß

Und wir sind Matsch und Mus.

 

Das wisst, ihr lieben gradlinigen Gnus!

Drum spart euch die Beschwerden

Dann beim Gefressenwerden!

 

 

Anmerkung: Die Wanderung der Gnus ist einer der auffälligsten Tierzüge der Welt. Während der Regenzeit sind die Gnuherden in den mineralstoffreichen Ebenen der südöstlichen Serengeti in Tansania zu finden. Gegen Ende Mai oder Anfang Juni endet die Regenzeit, und die Gräser verwelken. Die Gnus ziehen dann in einer Kolonne nordwärts über den Mara-Fluss in die Masai-Mara-Ebene in Südkenia. Dort finden sie aufgrund von Schauern vereinzelte Regionen mit starkem Graswachstum. Das Gras hier hat jedoch einen schweren Phosphormangel, so dass die Gnus mit dem Beginn der Regenzeit gegen Ende des Jahres in die Serengeti zurückkehren. Bei der dabei notwendigen Überquerung des Mara-Flusses werden die Gnus von Krokodilen erwartet, die hunderte von ihnen erbeuten. (lt. Wikipedia)

 

 

Gelungener Abend

 

Beethoven auflegen, denken:

Ist lange nicht mehr dran gewesen...

Ein Buch aufschlagen (irgendwo)

und - „Beethoven“ lesen.

 

Später, im Bett, so sicher

wie nie zuvor wissen:

Heute abend hast du unbedingt

Beethoven hören müssen!



 

 Beides

(beim Anblick eines Babys)

 

Im Lächeln unter Tränen

und im Weinen vor Glück

ist das Leben ganz enthalten -

denn sie haben von Beidem ein Stück!

 

Kann das sein? Du stehst noch so am Anfang -

und blickst schon zurück!-

 

 

Lyrikerkollegen

 

Sie raten ihm, das Meiste

einzudampfen

und vom Rest nochmal

die Hälfte kleinzustampfen...

 

Ach, sie wollen nur,

die Dumpfen, Stumpfen,

die ihnen fremde Fülle

seines Geistes schrumpfen!-

 


Leinenzwang

Der Hund ist angebunden,
wenn du mit ihm Gassi gehst.
Doch weiß er's dir zurück zu geben:

Auch du bist angebunden mit dem Hund -
musst immer mit ihm Gassi gehn!
So gleicht sich alles aus im Leben...

 
Anmerkung: Ich belauschte zwei Hundebesitzer. Hundebesitzer haben sich immer viel zu erzählen. Andere müssen übers Wetter reden, sie haben ihre Hunde. Beneidenswert.



 

Vom Runzeln und vom Schmunzeln

 

Der Kritiker schreibt mir,

er habe über meinen Vers „geschmunzelt“...

Wieso - der Alte hat bis jetzt

doch immer nur die Stirn gerunzelt-?

 

Ich stelle ihn mir vor:

Es ist gewiss nicht leicht, die Stirn zu runzeln

und bei der ganzen Runzelei

gleichzeitig nachsichtsvoll zu schmunzeln!-

 

Anmerkung: Zu diesem Epigramm existiert leider kein Bild.

 

 

Belastungs-EKG

Wie gutmütig mein Körper ist!

Wieviel mein Körper wegsteckt! Ach,
Wenn ich mein Körper wär',
Ich wär' schon lange schwach!

 

 

Beim Überschreiten der Benrather Linie

zwischen Göttingen und Kassel

auf der Reise ins deutschsprachige Ausland

 

Schöne Heimat, ich verlass' Dich nun!

Und mit dir das Altvertraute.

Henne ist jetzt nicht mehr Huhn:

Man verschiebt die Laute.

 

Wie im Herbst färbt sich jetzt alles ein -

Sprache, Mensch und Atmosphäre.

Werd' auch ich verschoben sein,

Wenn ich wiederkehre-?

 

Anmerkung: Geschrieben, als ich in die Höhle des bayerischen Löwen, zum famosen "Internationalen Gipfeltreffen der Poesie" nach München fuhr. Dieses Verslein war eine etwas ironische Einstimmung und mentale Vorarbeit, erinnernd an die wenig globalisierten alten Zeiten, da die Reise von Preußen (bzw. Königreich Hannover) aus über die innerdeutschen Zollgrenzen hinweg in die deutschen Südländer noch eine Weltreise war ;-) Die Unterschiede freilich bestehen bis heute...

 
 

Epitaph des Lyriklesers

 

Ein Herzinfarkt machte sein Leben zunichte.

Nein, es geschah nicht beim Sex.

Nein, er trank nicht auf Ex.

Es passierte beim Lesen moderner Gedichte!

 

 

Klebende Gäste

 

Ein klebriger Gast: Er zieht Fäden.

Man muss mit ihm stundenlang reden.

 

Bis der Geduldsfaden reißt (es ist spät)

und der Gesprächsfaden gleich hinterher.

Ersterer, weil er nicht geht,

Letzterer, weil man so leer!

 

Anmerkung: Kein Fleisch ist so deutsch wie das Sitzfleisch!





Zu gewissen unveröffentlichten Werken

 

Du kannst den Leuten zehnmal sagen:

„Ich habe noch ein halbes Schwein im Keller.“

Die Leute glauben trotzdem

nur an den Klops auf deinem Teller.



 

Mann hat's nicht leicht

(männlicher Dreisatz)

 

Das Glück des Mannes

Im Fall, er kann es.

 

Das Unglück für den Mann,

wenn er's nicht kann.

 

Sein Schicksal zu wissen,

Es können zu müssen.

 

 

Betrachtung eines Babys

 

„Ganz der Vater!“ „Aber ja!

  Oder doch - beinah.

  Gott schien kaum zu mischen.

  Nur die Mutter ist dazwischen.“



 

Letzte Gewissheit

 

Jeder hat Eltern und jeder hat zwei.

Gut, dass das fest steht, man kann darauf bauen.

Schon bei den Töchtern und Tanten und Frauen

Ist's mit der schönen Gewissheit vorbei!



 

Epitaph für eine Taube

(auf der Müllkippe aufzustellen)

 

Du dumme Taube, flogst ans Fenster und warst tot!

Einst hätte ich dich liebevoll begraben.

Doch wie die Welt verrohte, bin auch ich verroht:

Ich ließ den Restmüll deine Reste haben.

 

 

Ein Gelegenheitsgedicht

 

Dies Gedicht ist sicher bald gegessen,

Denn der Magen kann es allzu leicht verdauen.

Aber wenigstens wird man es essen,

Denn man muss nicht lang dran kauen!-



 

Die Wechselkopf-Zahnbürste oder

Warum ich so ein armes Würstchen bin

 

Allabendlich beneid' ich armer Tropf

Meine Zahnbürste um ihren Wechselkopf:

 

Man wechselt einfach ihre morsche Birne

Wie ein Zuhälter die abgeblühte Dirne!

 

Wie gerne wechselte auch ich mein Haupt,

Doch ich hab' nur eins und das ist festgeschraubt.

 

Ich bin das ärmste Würstchen aller Würste,

Denn ich wünsche mir, ich wäre eine Bürste!

 

 

Der Mietbewerber
 
Ob er ein stiller Mensch sei, wurde er gefragt.
"Das kann man wohl laut sagen!" hat er gesagt.
Da musste man ganz einfach gläubig sein.
Und Anfang August zog er ein.



 

Dichterschläue

 

"Das bleibt unter uns"

sprach er

zum Publikum,

 

als er

eine Botschaft

senden wollte,

 

die sich überall

verbreiten

sollte...

 

Jetzt - das wusste er -

spricht sie sich

schnell herum-!

 

 

Beim Häuten der Zwiebel

(nach Günter Krass)

 

Mann überlässt den weichen Eiern

Das Weinen auf den Trauerfeiern.

Auch bei Verzweiflung, Ohnmacht, Unrechtswut

Vemeidet Mann die Tränenflut.

Der Mitleids-, Rührungs-, Freudentränen

Soll Mann sich ebenfalls entwöhnen.

 

Das liebt Mann an den Zwiebelchen:

Da dürfen's nicht nur die Sensibelchen!

 



Erwachsenenaugen

 

Wie lieblich ist in Kinderaugen doch

die Freude und die Dankbarkeit!

(Was jeder weiß und kennt.)

 

Und erst in Augen von Erwachsenen!

Wie lieblich ist die Seltenheit -

und das, was keiner nennt!

 

Anmerkung: Kleiner Slapstick von zwischendurch. Mein U-Bewusstsein dachte das wohl schon öfters, wenn es davon las. Jetzt kams an die Oberfläche. In Gedanken an Afghanistan.

 

 

Schönheit des Alters oder

Harmonie der Gegensätze

 

Vier senkrechte, vier waagerechte Falten -

Wie ein Versprechen ist die Stirn des Alten:

Wir können unser Leben so gestalten,

Dass viele Dinge sich die Waage halten!

 

 

 Frommer Wunsch

 

Ein dicker Bauch hält

Frauen zuverlässig fern...

Ein solches Mittel hätt' ich

gegen Mücken gern-!

 

 

Ein „modernes“ „Gedicht“ 

 

Das Gedicht ist gar nicht übel:

Es ist wunderbar sensibel,

Ungeheuer intensiv

Und ganz unauslotbar tief.

 

Hoch gelobt von der Kritik,

Gilt es als ein Meisterstück.

Nur das Eine ist nicht günstig:

Es ist völlig hirngespinstig-!

 

Anmerkung: Diese Verse möge mir niemand übelnehmen. Sie sind Ausdruck langjähriger leidvoller Erfahrung...

 

 

Epitaph des Dichters

 

Ich schrieb Verse und ging

über Leichen dafür.

Über meine zumal.

Darum liege ich hier!

 

 

Der Taubenfreund

 

„Wer Tauben füttert, bringt sie in Gefahr!“

Stand auf dem Schild. Wie gut, dass er`s jetzt wusste!

Ihm wurde augenblicklich klar,

Dass er die Tauben füttern musste!



 

Deutsche Erfahrung

 

Sehr lange dauert es meist nicht,

Wo man von "Lichtgestalten" spricht,

Und Finsternis verdrängt das Licht!



 

Ein erfolgreicher moderner Autor

 

Als Autor hatte viel Talent er:

Kein Kaufmann jemals war patenter!



 

Den Mächtigen

 

Was nicht geht und was geht

Und wo man steht

Muss man sich immer fragen.

 

Und dass die eine Frage nicht

Der anderen entspricht

Muss man sich immer dabei sagen!

 



 Epitaph für Christian Ide Hintze

War dein Leben zu anstrengend?
Wisse: Ich bete.
Als Lyriker alt werden
durfte nur Goethe.

Anmerkung: C. I. H. starb unerwartet Mitte Februar 2012 im Alter von 58 Jahren.

 

 

Steuersystem

 

Wir perfektionieren das Steuersystem,

Als würde die Welt ewig steuerbar bleiben...

Bald werden wir hausen in Hütten aus Lehm -

Wir können perfekt dann die Steuern eintreiben-!

 

Anmerkung: angelehnt an das Märchen "Von dem Fischer un syner Fru"

der Brüder Grimm

 

 

Obdachlos

 

Obdachlos sein war es nicht, was er wollte.

 

Er hätte nicht gewusst, wie er

die ganzen Bücher stellen sollte...

 

 

Klammheimliche Gedanken

beim Anblick eines Bettlers

 

Der Mann hat nichts, das er versteckt.

Er hat nichts. Was er nicht verdeckt.

 

Er "outet" sich. Und das in unsern Tagen.

Das muss man erstmal wagen.

Er ist mehr klamm als heimlich, sozusagen...

 

Der Mann verdient Respekt-!

 

Anmerkung: Nach längerem Hin- und Herüberlegen noch ein Adjektiv geändert. Was aber vielleicht "feige" war-? Ich weiß es nicht... Mehr zu diesem wichtigen Wort, das man nicht mehr oft hört, s. o. (Kant).

 

 

Epitaph für alle Menschen

 

Zu Beginn der Lebensreise

War noch keiner von uns weise,

Und an ihrem Ziele - - -

Sind es auch nicht viele!

 

 

Epitaph des "weisen" Menschen

 

Intelligent war ich und schlau und klug -

Nur "sapiens" war ich leider nicht genug!

 



Epitaph des Selbstmörders,

der an der Friedhofsmauer liegt

 

Ich mordete mich selbst,

Drum liege ich

Hier an der Mauer

Und ist dies Grabmal klein...

 

Ach Himmel, Dank sei dir, du wölbst

Unendlich dich

Mal grauer und mal blauer

Auch über meinem schmalen Stein-!

 

Anmerkung: Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurden gesellschaftliche Außenseiter, speziell Selbstmörder, in der Regel unehrenhaft beigesetzt. Sie fanden ihre letzte Ruhestätte meist an der Friedhofsmauer, oft an der Nordseite, die traditionell als unheimlich und dämonisch betrachtet wurde. (sog. "Eselsbegräbnis")



 

Epitaph einer größeren Lyrikerin

 

Man hat das erste Mal gehört von mir,

als ich den großen Preis bekam.

 

Dann hörte man nochmal von mir,

als ich den Abschied nahm.

 

Jetzt hört man wieder nichts von mir.

So bleibt's auch. Ich sag's ohne Gram.

 

Anmerkung: zum Tode Wisława Szymborskas, in Deutschland weithin unbekannt



 

Epitaph des Katzenhundes

 

Sieben Leben - sagt man - hat die Katze, und

Ein Hundejahr sind sieben Menschenjahre (rund).

 

So gleicht sich alles aus.

                                               Der Katzenhund.

 

Anmerkung: Hier gibt's Meerkatzen...

 

 

Epitaph

des Antimaterialisten

 

Gestorben muss werden!

Sonst wäre ein Hauen

Und Stechen auf Erden!

 

Sie klammern und klauben

Mit Zähnen und Klauen

Ja schon mangels Glauben-!



 

Viehisch

Verleger sind meist Viecher
Mit ausgeprägtem Riecher.
Denn reine Viecherei
Ist das Verlegen riecherfrei!-

 

 

Kleine Weltbetrachtung

 

Ich kann nur ahnen, was die Welt

(im Innersten) zusammenhält...

Doch weiß ich, was sie auseinandersprengt:

 

wonach sie drängt,

woran sie hängt:

 

das Geld!

 

Anmerkung: Diese Verse beruhen doppelt auf dem "Faust", aber, was mir das Wichtigste scheint, auch auf der Wahrheit (leider).



 

Für den Menschen von heute

 

Wie kommt es nur,

dass du so kalt und glatt und hart

geworden bist,

 

fast wie zuhause dein

Computer ist?

 

Du solltest doch allein

 

perfekt und schnell

und ständig einsatzfähig sein-!

 

 

Der Querdenker

 

In einer Zeit, in der nichts mehr

Voran ging auf gewohntem Weg,

Bewegte er sich ziemlich quer

Und schaffte noch ein Stück so schräg.

 

Es war nicht allzu schwer.

 

Nur kam des queren Denkens Schräge

Ihm manchmal etwas ins Gehege

Und in der Praxis in die Quere -

Da stand er sich denn selbst im Wege:

 

Und dieses war das Schwere!



 

Poetik

 

Wie wir schreiben sollen,

ist nicht schlecht zu wissen -

doch am Ende

schreiben wir so wie wir müssen.



 

„Stressmanagement“

 

Er hatte am zwanzigsten Kurs

gegen Stress teilgenommen -

 

da hat er die Manager-

Krankheit bekommen!



 

Der stille  Gelbe

 

Der Neid spricht gleich von Arroganz -

drum hüte dich, ihn zu erregen!

Wenn's aber doch einmal geschah,

dann gräme dich nicht so deswegen!

 

 

Drehwurm

 

Immer schneller

dreht die Erde sich,

und der Mensch kreist

immer mehr ums eig'ne Ich -

 

und wenn

das so weitergeht,

sind's bald

durch - gedreht!

 

 

Epitaph für

Johann Wolfgang v. Goethe

 

Ein Leben lang hat er

mit Farben sich

herumgequält,

der arme Wicht.

 

Erst auf dem Sterbebett

erkannte er

des Pudels Kern

und sprach: "Mehr Licht!"

 

Anmerkung: Der Autor schätzt Goethes lyrischen Mikrokosmos außeror-dentlich und hält Goethe für den größten Lyriker aller Zeiten und Länder. Von daher sei ihm der "Wicht" vielleicht verziehen, heißt es doch in einem der bekanntesten Gedichte des Meisters: "Sind nun die Elemente nicht/aus dem Komplex zu trennen,/was ist dann an dem ganzen Wicht/Original zu nennen?" Übrigens: Wiederlesen lohnt sich, auch heute noch!

 

 

Romantik und Aufklärung

 

Jede Firma hat jetzt ihre "Philosophie",

jeder Promi ist eine "Legende"-:

Die Zeiten sind eben so weise wie nie

und verwunschen wie Andersens sämtlichen Bände-!

 

"Andersens sämtlichen Bände": Hans Christian Andersen schrieb mehr als 160 Märchen in acht Bänden.

 

 

Die Reichen

und Schönen

 

Im Körper steckt

jetzt das Genie!

Wer keinen Body hat,

wird leicht zum Nobody.

 

 

Der Unfaule

 

Wer ihn für faul hält, schätzt ihn zu gering:

Arbeiten ist einfach nicht sein Ding-!

 

 

„Positives Denken“

 

Amerika hat

die Weisheit nicht gepachtet.

Aber sie trotzdem

in alle Welt verfrachtet!

 

 

Der Verleger

 

Er ist nie um eine Ausrede verlegen,

weshalb er nicht verlegen kann.

(Im Zweifel hat er grad verlegt, was man ersann.)

 

„Verleger“ heißt der Mann

deswegen.

 

 

Kästner in Zeiten

des „ewigen“

Wachstums

 

Es gibt nichts Bestes

Außer: man lässt es.

 

 

Segen und Fluch

der Jahreszeiten

 

Welch ein Segen,

dass die Jahreszeiten

uns jeden Tag begleiten!

 

Welch ein Fluch,

dass sie uns jeden zweiten

zu Reimen verleiten-!

 

 

Zum Tode Christoph Schlingensiefs

 

Verdienstvoll ist, sie wachzurütteln

mit lang erprobten Aufputschmitteln.

So wohl dosiert gefällt’s den Bütteln,

den reinen Westen, weißen Kitteln.

 

Verächtlich ist, sie durchzuschütteln:

Man soll nicht wirklich schmerzhaft kritteln!

 

 

Begabung - Definition

 

Wann du begabt für etwas bist?

Wenn dir nichts anderes wichtiger ist!

 

 

Unter Trunkenen

 

Und bist du

selbst ein wenig

allzu schüchtern,

 

so ist am besten

die Umgebung

nicht ganz nüchtern!

 

 

Das große Thema

 

Es braucht Größe,

um die Größe

eines Themas zu erkennen.

 

Es braucht Kraft,

um’s dauernd

von den kleineren zu trennen.

 

Es braucht Mut,

um’s gegen alle

Widerstände zu benennen!

 

 

Nach einem

gewagten Werk

 

„Wie fiel es Ihnen ein?“

hör’ ich die Einen fragen.

„Was fällt Ihnen ein!“

hör’ ich die Anderen sagen.

 

 

wird fortgesetzt