Fremde Federn

fremde Federn

Liebe Lyrikfreunde, auf dieser Seite schmücke ich mich mit "fremden Federn". Ich freue mich besonders, dass in Zeiten des "Frauentauschs" (Doku-Soap, RTL II) auch immer mehr Lyriker auf die vergleichsweise harmlose Idee kommen, ihre Texte zu tauschen oder zu spenden. Unten finden sich ein paar Lieblingsgedichte, um die ich befreundete oder mir gut bekannte Kollegen bat, versammelt. Zum Teil - wie gesagt - ließ ich im Gegenzug ein Gedicht bei ihnen. Ergänzt werden ihre Verse durch Gedichte und Zitate von bekannten Lieblingslyrikern und anderen wichtigen Menschen, die ich in der Regel nicht mehr fragen konnte... Schwerpunkte sind Umwelt und - quasi als Ausgleich - Humor. Mit dem "Lesetipp" wiederum sei eine neue Rubrik eröffnet. Sie soll gelegentlich aktualisiert werden. Vorrangig sollen Bücher präsentiert werden, die ich selbst gerade lese bzw. kürzlich gelesen habe. Immer sollen es Bücher sein, die ich kenne und uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

Lieblingsgedichte von Dichterkollegen

Gudrun und ich

 

Ich liebte einmal Gudrun,

die setzte große Hoffnung,

wie sie mir schwor, in mich.

Drauf machte ich der Gudrun

bald eine gute Hoffnung,

die wollt das Mädel nicht.

Am End zerstörte Gudrun

die Hoffnung und auch mich.

 

Josef Hader, Naarn im Machlande (A)

(aus: „Rolle du Knolle“)

 

 

Die Mücke

 

Ich hab' mit Goethe 'ne Mücke erschlagen.

Ich konnte ihr Surren nicht mehr ertragen.

Dann stach sie mir noch ins Gesicht.

Ich dacht': “Das überlebst Du nicht.“

Ganz leise schlich ich zum Regal,

auf Goethe fiel dort meine Wahl.

Sie saß an der Wand und ich schlug zu.

Ach wie herrlich, nun war endlich Ruh'.

Ich bin Humanist, selbst wenn ich töte.

Darum starb die Mücke unter Goethe.

 

Elviera Kensche, Hildesheim, 23. September 2011

(Erstveröffentlichung)

 

 

for whom 2012

 

vor dem ausstellungs

haus schweigt

vor dem ausstellungs

haus schweigt

 

die große kirchen

glocke an ihrem

stämmigen

gerüst

 

von links nach rechts

von links nach rechts

von rechts

 

und schweigt ihren ton

und schweigt ihren ton

 

ohne klöppel

 

Konrad Pfannschmidt, Hannover

zur Erläuterung


 

Ich bin dagegen

 

Ich bin dagegen, dass die Gletscher schmelzen.
Ich bin dagegen, dass die Wüsten sich ausbreiten.
Ich bin dagegen, dass die Wälder abgeholzt werden.
Ich bin dagegen, dass so viel CO2 freigesetzt wird.

 

Ich bin dagegen, seltener zu fliegen.
Ich bin dagegen, dass mein Strom teurer wird.
Ich bin dagegen, langsamer zu fahren.
Ich bin dagegen, dass mein Land sich einschränkt bevor andere es tun.

 

Ich bin dagegen, dass die Skigebiete schrumpfen.
Ich bin dagegen, dass Urlaubsregionen überschwemmt werden.
Ich bin dagegen, dass die Temperaturen steigen.
Ich bin dagegen, dass Insekten sich ausbreiten.

 

Ich bin dagegen, kürzer zu duschen.
Ich bin dagegen, das Licht auszumachen.
Ich bin dagegen, mein Einkaufsverhalten umzustellen.
Ich bin dagegen, dass unsere Wirtschaftsregeln geändert werden.

 

Ich bin dagegen, dass mein Land häufiger von Stürmen betroffen ist.
Ich bin dagegen, dass in meiner Stadt die Hitzeperioden zunehmen.
Ich bin dagegen, dass mein Garten verdorrt.
Ich bin dagegen, dass meine Gesundheit leidet.

 

Ich bin dagegen, dass ich dagegen bin.
Wofür bin ich?

 

dkb, Essen, Mai 2007

 

 

Bangladesh

 

Da kommen sie immer wieder

reißen ihren Schlund auf

schlingen den Boden

fruchtbare Krume

jene Meeresfluten

zehren an Blech und Hütten

dringen immer tiefer

mit ihrem verderbenden Salz

 

Da kommen sie immer wieder

die Angststände steigender Pegel

es zerbricht und schlingt Menschen

die Tage des Reis sind gezählt

und es fehlt der eigene Grund

jenseits von Flachzonen

die ein Versprechen sein könnten

stattdessen diktieren Abbrüche

aus allen Poren dringt Armut

mehr als je zuvor

 

Noch lassen sich

die Schuldtitel nicht einklagen

in Deutschland, Amerika, Frankreich

China oder anderswo

in den Sündenpfuhlen

den Brutstätten steigender Wasser

jenen Ländern

die jedes Gericht

und jede Gerechtigkeit

zu purem Gespött machen

 

Es kommt Rat, Flut

und großes Schweigen

 

Marko Ferst, Gosen b. Berlin

(aus: „Jahre im September“ )

 

 

Dokumentiert

 

Wir haben die Natur festgehalten
In Wort und Bild
für die, die nach uns kommen.
Blühende Wiesen
und wogende Kornfelder.
Bunte Wälder
und schneebedeckte Berggipfel.
Schmetterlinge und Singvögel,
Feldhasen und äsendes Wild.
Und da gibt es immer noch welche,
die uns vorwerfen
wir leben nach der Devise:
"Nach uns die Sintflut."

 

Hermann Able, Heilbronn

 

 

Sylt, du Schöne


Du sturmumtoste Insel hoch im Norden,
Ach, wie bist du nur geworden?
Naturgewalten formten alles, was du bist,
Von Hörnum, Morsum bis nach List.
Die Nordsee nagt an deiner schlanken Gestalt,
Der blanke Hans mit all seiner Riesengewalt,
Die Insulaner trotzen mit aller Macht,
Sie sind des Eilands treue Wacht.
„Sylt, du Schöne, darfst nie untergehen.
Sylt, du Vielgeliebte, wo starke Winde wehen,
Wir verteidigen jedes Fleckchen Land,
Wir stolzen Friesen von der Waterkant!“
Trutz, blanke Hans!


Lieber tot als Sklave, sagen die Friesen,
Ihre Blicke immer nach West gewiesen,
Nach England, nach Amerika, übers Meer,
Festland kümmert sie nicht sehr.
Der Friesen Schiffe fahren stets nach Westen,
Das erzählen sie den Inselgästen.
Auf hoher See in starken Schiffen
Gestrandet an den Riffen?
Nein, der Friese strandet nie und nimmer,
Er beherrscht die See, stets und immer,
Der Meere Freiheit ist sein Element.
Wir sagen dazu: Kompliment!
Trutz, blanke Hans!


Martin Wendt, Hamburg, 8. Juni 2013

(Erstveröffentlichung)

 

Anmerkungen von Christian Engelken: Die Interpunktion wurde behutsam den anderen Gedichten angeglichen. "Trutz blanke Hans" ist eine Ballade von Detlev von Liliencron, geschrieben auf Pellworm an der wilden Westküste von SWH.
 

Sylt, du Schöne, extrem (jugend)stilvoll
Hier das anrührende Gedicht des Hamburger Ästheten Martin Wendt mit nach Jugendstilvorbildern aus 100 Jahre alten Büchern vom Autor selbst entworfenem Rahmen. Die Schriftart ist die Benuguiat.
Sylt, du Schöne, extrem (jugend)stilvoll[...]
Microsoft Word-Dokument [187.2 KB]

Lesetipps

Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann:
"Das erste Leben der Angela M",
insb. das letzte Kapitel,
Teil-Biographie, 2013

Stéphane Hessel:
"Empört Euch!",
Streitschrift, 2010

Günter Grass:
"Fünf Jahrzehnte",
Werkstattbericht, 2004

Herbert Gruhl:
"Himmelfahrt ins Nichts.
Der geplünderte Planet vor dem Ende",
Wissenschaftsprosa, 1992

Hans Sahl:
"Memoiren eines Moralisten",
insb. Bd. 1,
Teil-Autobiographie, 1985

Reginald Arkell:
"Pinnegars Garten",
Novelle / Roman, 1950

Axel Eggebrecht:
"Katzen",
Essay-Sammlung, 1927

Otto Ernst:
"Appelschnut",
Kindheitsgeschichte, 1905

Guy de Maupassant:
Erzählungen,
z. B. "Fettklößchen", 1880

 

Iwan Sergejewitsch Turgenjew:

"Mumu",

Erzählung, 1854

 

Nikolai Wassiljewitsch Gogol:

"Gutsbesitzer aus alten Tagen",

Erzählung, 1835

 

 

Anmerkungen zu Gruhl und Hessel: Der grandiose Gruhl ist keine Strandkorblektüre. Im Gegensatz zum Hessel, der zeittypisch ein ganzes Tableau ausbreitet, was m. E. nicht unbedingt der Klarheit dient - "Worüber soll man sich denn noch alles empören?" - konzentriert er sich "knallhart" auf das Kernproblem. Typisch 80er, der Computer war noch nicht, man konnte sich noch konzentrieren. Es ist ebenso typisch, dass nach dem Hessel gleich eine ganze Reihe mit Streitschriften eröffnet wurde, weil sich das Bändchen gut verkaufte, die die Botschaft letztlich weiter verwässerte. Damit dienten H. & Erben am Ende m. E. nolens volens auch wieder nur den Gesetzen des Kapitalismus, die sie z. T. so kritisch betrachten. Und: Hat sich denn nun einer "empört"? Wer sich über alles und jedes empören soll, empört sich am Ende über nichts und schwimmt weiter mit dem Strom. Trotzdem ein lesenswerter Versuch. Ich stehe mit der Gruhl - Gesellschaft in lockerer Verbindung, kann mich aber selbst beim besten Willen auch nicht durchgehend mit diesem Thema beschäftigen, will ich stimmungsmäßig nicht gänzlich abstürzen - wie nicht zuletzt obige Leseliste zeigt. Insofern sind alle Latifs und Schellnhubers zu bewundern, die Selbiges tun (meist ohne entsprechende Anerkennung zu erhalten...)

Zitate

In der Wissenschaft reden wir über Dinge, die niemand zuvor wusste, und zwar mit Worten, die jeder verstehen kann. Gedichte aber reden von Dingen, die jeder weiß, aber mit Worten, die niemand versteht. (Paul Dirac, Entdecker der Antimaterie)

 

Paul Dirac war als Sonderling bekannt. Dass Physiker-Kollege Robert Oppenheimer sich für Poesie begeisterte und mit Dante beschäftigte, dafür sogar Italienisch lernte, fand er völlig unbegreiflich: "Wie kannst du beides tun?" Dieses kleine Zitat beweist aber, wie scharfsinnig dieser große Schweiger war, auch über die Physik hinaus. Denn leider trifft es weitgehend zu, besonders heute. Ich habe immer wieder erlebt - auch im persönlichen Kontakt - dass Naturwissenschaftler, insbesondere Physiker, besonders wahrheitsliebend sind. Ein bisschen mehr wünschte ich mir davon auch in der Lyriker-Zunft. Passt auch gut zum Kant-Motto dieser Homepage...

 

 

"Was heißt denn: ein Dichter sein?

Dichter sein heißt: Sich entschein,

sein Lem lang daheim zu bleim

und an som blön Reim zu schreim."

 

(Michael Schönen in Slg. "Hell und Schnell" Bd. 6, Hrsg. Robert Gernhardt)

 

Anmerkung: Wer diese Plackerei nicht selber kennt, kann diese Verse nicht verstehen!



 

"Lyrik heute wird gesehen und gehört. Gelesen wird sie nicht."

 

 (Stephan Porombka auf der Tagung "Lyrik, wo bist du?", Juni 2011)

 

 

"Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar."

 

(Ingeborg Bachmann, österreichische Schriftstellerin, 1926-1973)



 

"Man muss die Anzahl der Gedanken derart vervielfachen,

 dass die Anzahl der Wächter für sie nicht ausreicht."

 

(Stanisław Jerzy Lec, polnischer Schriftsteller und Aphoristiker, 1909 - 1966)



 

Ich höre immer wieder Stimmen, etwa aus dem Buchhandel, die der Meinung sind, Goethe sei doch heute Alt- bzw. Klopapier. So weit ist es nun gekommen! Hier stellvertretend nur zwei zeitlose "Sprüche" von G., aufgrund derer man diese Position noch einmal überdenken könnte:



Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein;

Langen und bangen in schwebender Pein;

Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt;

Glücklich allein ist die Seele, die liebt.

 

Johann Wolfgang von Goethe, aus "Egmont"

 

 

Alles geben die Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

 

Johann Wolfgang von Goethe, an Auguste Gräfin zu Stolberg

 



 

Liebe besteht nicht darin,

dass man einander anschaut,

sondern dass man gemeinsam

in dieselbe Richtung blickt.

 

(Antoine de Saint-Exupéry)

 

 

Es kommt nicht darauf an,

dass die Freunde zusammenkommen,

sondern darauf,

dass sie übereinstimmen.

 

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

 

"Big Brother is watching you."

(George Orwell)

 

"Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl,

während des Krieges und nach der Jagd."

(Otto von Bismarck)

 

"Gott hat die Gradheit selbst ans Herz genommen,

auf gradem Weg ist niemand umgekommen."

(Johann Wolfgang Goethe)

 

"Seht zu, dass ihr wachbleibt!"

(Ingeborg Bachmann)

Beispielgedichte meiner Lieblingslyriker

Gedicht

Und was bedeuten diese Zwänge,
Halb Bild, halb Wort und halb Kalkül,
Was ist in dir, woher die Dränge
Aus stillem trauernden Gefühl?

Es strömt dir aus dem Nichts zusammen,
Aus einzelnem, aus Potpourri,
Dort nimmst Du Asche, dort die Flammen,
Du streust und löschst und hütest sie.*

Du weißt, du kannst nicht alles fassen,
Umgrenze es, den grünen Zaun
Um dies und das, du bleibst gelassen,
Doch auch gebannt in Mißvertraun.

So Tag und Nacht bist du am Zuge,
Auch sonntags meißelst du dich ein
Und klopfst das Silber in die Fuge
Dann läßt du es - es ist: das Sein.

Gottfried Benn

 

"Gedicht" bei Youtube gelesen.

 

 

Melancholie

Wenn man von Faltern liest, von Schilf und Immen,
daß sich darauf ein schöner Sommer wiegt,
dann fragt man sich, ob diese Glücke stimmen
und nicht dahinter eine Täuschung liegt,
und auch das Saitenspiel, von dem sie schreiben,
mit Schwirren, Dufthauch, flügelleichtem Kleid,
mit dem sie tun, als ob sie bleiben,
ist anderen Ohren eine Fraglichkeit:
ein künstliches, ein falsches Potpourri –
untäuschbar bleibt der Seele Agonie.

Was ist der Mensch - die Nacht vielleicht geschlafen,
doch vom Rasieren wieder schon so müd,
noch eh ihn Post und Telefone trafen,
ist die Substanz schon leer und ausgeglüht,
ein höheres, ein allgemeines Wirken,
von dem man hört und manches Mal auch ahnt,
versagt sich vielen leiblichen Bezirken,
verfehlte Kräfte, tragisch angebahnt:
man sage nicht, der Geist kann es erreichen,
er gibt nur manchmal kurzbelichtet Zeichen.

Nicht im entferntesten ist das zu deuten,
als ob der Schöpfer ohne Seele war,
er fragt nur nicht so einzeln nach den Leuten,
nach ihren Klagen, Krebsen, Haut und Haar,
er wob sie aus Verschiedenem zusammen
das er auch noch für andere Sterne braucht,
er gab uns Mittel, selbst uns zu entflammen –
labil, stabil, labil - man träumt, man taucht:
schon eine Pille nimmt dich auf den Arm
und macht das Trübe hell, das Kalte warm.

Du mußt aus deiner Gegend alles holen,
denn auch von Reisen kommst du leer zurück,
verläßt du dich, beginnen Kapriolen
und du verlierst dir Stück um Stück.
Von Blumen mußt du solche wählen,
die blühn am Zaun und halb im Acker schon,
die in das Zimmer tun, die Laute zählen
des Lebens Laute, seinen Ton:
vermindert oder große Terzen –
ein Kältliches verstaut die Herzen.

Die Blumen so - dann zu Vergangenem
sich wendend oder Zukunft, wie sie wird,
da gehst du von Verschleiert zu Verhangenem,
einem Vielleicht zu einwandfrei Geirrt,
ein Hin und Her: einmal versiegte Güsse
und Noah strahlt, die Arche streift auf Land,
und einmal ist der Nil der Fluß der Flüsse,
Antonius küßt die braune, schmale Hand:
die Ruriks, Anjous, Judas, Rasputin
und nur dein eigenes Heute ist nicht drin.

Tiere, die Perlen bilden, sind verschlossen,
sie liegen still und kennen nur die See;
an Land und Luft: Gekrönte und Profossen –
noch eine Herme mehr in der Allee;
nur Äon schweigt, er hält die Perlengabe,
wo alles fehlt und alles zielt,
der Äon träumt, der Äon ist ein Knabe,
der mit sich selbst auf einem Brette spielt:
noch eine Herme mehr – man lasse sie,
auch sie führt zum Gedicht: Melancholie.

Gottfried Benn

 

"Melancholie" bei Youtube gelesen ;-)


Dennoch die Schwerter halten

Der soziologische Nenner,
der hinter Jahrtausenden schlief,
heißt: ein paar große Männer
und die litten tief.

Heißt: ein paar schweigende Stunden
in Sils-Maria-Wind,
Erfüllung ist schwer von Wunden,
wenn es Erfüllungen sind.

Heißt: ein paar sterbende Krieger
gequält und schattenblaß,
sie heute und morgen der Sieger -:
warum erschufst du das?

Heißt: Schlangen schlagen die Hauer
das Gift, den Biß, den Zahn,
die Ecce-homo-Schauer
dem Mann in Blut und Bahn -

heißt: so viel Trümmer winken:
die Rassen wollen Ruh,
lasse dich doch versinken
dem nie Endenden zu -

und heißt dann: schweigen und walten,
wissend, daß sie zerfällt,
dennoch die Schwerter halten
vor die Stunde der Welt.

Gottfried Benn

 

"Dennoch die Schwerter halten" bei Youtube vom Autor selbst gelesen.

 


Tote lebende Bilder

Dennoch die Schwerter halten
vor die Stunde der Welt
Gottfried Benn

Statische Schwerter
und dennoch nicht mehr zu halten
Arme Stunde der Welt

Arme Welt
der so die Stunde verhalten wird

Und wie verhält es sich
mit den Haltern der Schwerter

und mit den immer noch vielen
die sich an sie halten?

Solange einer der Schwerter hält
noch geehrt wird

und mehr noch einer
der redet vom Halten der Schwerter

deren Stunde geschlagen hat
außer in deutschen Reimen

bleibt eure Dichtung Rüstkammer
klanglos verrostender Klingen

zwischen euch und die Zukunft gehalten
zwischen euch und ehrliche Worte

zwischen euch und das Leben
als unbelehrbares Dennoch

das klirrt durch gezählte Stunden
der ungehaltenen Welt

 

Erich Fried

 

 

Hier ein Buchauszug, eigenhändig abgetippt, der anhand dieses bennkritischen Friedgedichts - einmaliger Fall einer literarischen "Begegnung" dieser beiden Dichter - auf die Abgrenzung zwischen Benn und Fried eingeht. Darüberhinaus schönste Germanistik... ;-) Ich schätze beide Dichter besonders, den "rechten" Benn und den "linken" Fried.:

 

"(…) Zur selben Zeit, in Anfechtungen (1967), polemisiert Fried scharf gegen Brechts Antipoden Gottfried Benn, der in der folgenreichen Marburger Rede Probleme der Lyrik 1951 die Konzeption des monologischen, zeitunabhängigen, „absoluten“ Gedichts gefordert hatte. Unter geschickter Verwendung des von Fried so geliebten „ernsten Wortspiels“ wird am Beispiel des 1933 erstpublizierten, 1949 in der Sammlung Trunkene Flut wieder veröffentlichten, von der Mitwelt gefeierten Gedichts Dennoch die Schwerter halten Benns Lyrik einer ideologiekritischen Lektüre unterzogen.

Ungeachtet Benns Anspruch auf „reines“ Artistentum intendiert Fried, durch ein genaues, die Worte abtastendes Lesen nicht nur die historischen Spuren und Entwicklungsbedingungen des Bennschen Denkens, sondern auch dessen Weiterwirken im Nachkriegsdeutschland freizulegen. Wie Enzensberger (in Der Spiegel, 1963, Heft 23) erkennt Fried in Benn den „letzten Dichter der Deutschen Rechten“. Doch, dies sei hinzugefügt, geht es hier keineswegs um vorsätzlichen Ideologieverdacht gegen einen politisch Andersdenkenden, eine Einstellung, die Fried im Bereich der Dichtung als absurd ansieht, wie aus einem anderen Gedicht hervorgeht, in dem er die ebenfalls mit dem Faschismus sympathisierenden Dichter Yeats, T.S. Eliot und Pound gegen linke Ankläger verteidigt (Größenunruhe und -ordnung, in: Beunruhigungen, 1984).

(aus: 1945-1995. Fünfzig Jahre deutschsprachige Literatur in Aspekten von Gerhard P Knapp, Gerd Labroisse und Anthonya Visser, 1995)

 

 

Neue Naturdichtung

Er weiß daß es eintönig wäre
nur immer Gedichte zu machen
über die Widersprüche dieser Gesellschaft
und daß er lieber über die Tannen am Morgen schreiben sollte
Daher fällt ihm bald ein Gedicht ein
über den nötigen Themenwechsel und über seinen Vorsatz
von den Tannen am Morgen zu schreiben

Aber sogar wenn er wirklich früh genug aufsteht
und sich hinausfahren läßt zu den Tannen am Morgen
fällt ihm dann etwas ein zu ihrem Anblick und Duft?
Oder ertappt er sich auf der Fahrt bei dem Einfall:
Wenn wir hinauskommen
sind sie vielleicht schon gefällt
und liegen astlos auf dem zerklüfteten Sandgrund
zwischen Sägemehl Spänen und abgefallenen Nadeln
weil irgendein Spekulant den Boden gekauft hat

Das wäre zwar traurig
doch der Harzgeruch wäre dann stärker
und das Morgenlicht auf den gelben gesägten Stümpfen
wäre dann heller weil keine Baumkrone mehr
der Sonne im Weg stünde.
Das wäre ein neuer Eindruck
selbsterlebt und sicher mehr als genug
für ein Gedicht
das diese Gesellschaft anklagt

 

Erich Fried

 


Der Guacharo

Das Wort heißt "Er trauert und schreit"
Die Indios in Venezuela
hatten Angst vor dem Höhlenvogel:
"Da rufen unsere Toten
Aus diesen Höhlen
kommen wir nie mehr heraus
Wenn wir den Rufen nachgehen
müssen wir sterben"

Die Missionare nannten die Schreie der Geister
heidnischen Aberglauben
und brachten Licht in die Höhlen
Da fanden sie den Guacharo
Er lebt im Dunkeln
und vermeidet die Höhlenwände
durch den Widerhall seines Schreis

Seine Jungen sind dick und rund
Die furchtlos gewordenen Indios
füllen Säcke mit ihnen
und sieden das Fett aus den Leibern
zum Kochen und
als Öl für Höhlenlampen
um mehr Guacharojunge
zum Kochen zu finden

Alexander von Humboldt
nannte den Höhlenbewohner
Ölvogel
weil seine Jungen Öllampen speisen
dank dem Lichte der Aufklärung
welches die Priester brachten
in die Finsternis des Guacharo
Er stirbt jetzt aus

Erich Fried

 

Auf Hinweis von Marko Ferst.

Interpretationen

 

 

Auf diese beiden vorzüglichen Interpretationen der Gedichte von Benn und Fried wurde ich von einem guten Freund hingewiesen. Sie entstammen der Frankfurter Anthologie, hrsg. von MRR, und liegen aus Urheberrechtsgründen kopiergeschützt als PDF vor (zu öffnen etwa mit Foxit Reader).